Tagebucheintrag 2.5. “Ich muss mich mehr mit mir selbst beschäftigen”

Tagebucheintrag; 2.Mai

“Ich muss mich mehr mit mir selbst beschäftigen!
Von dem Moment an in dem ich diesen gedanklichen Beschluss getroffen habe, sind meine Kopfschmerzen, die mich schon seit Tagen plagen, verschwunden. Im Aufruf zum Reprostreik heißt es: “wir wollen uns breit und faul machen, uns viel mit uns selbst beschäftigen; unserer Politik, unserer Kunst, unserer Theorie, unserer Militanz, unserem Einfach-nur-geil-sein, Einfach-nur-da-sein.

Ich frage mich, was beschäftigt mich? Die Antwort: Mein Kopf ist voll mit den Beziehungsproblemen von Hans und Pauls Depression, mit dem Mackertum im Plenum und Felix’ problematischem Verhalten, mit Jos Verliebtsein und Nils’ Übergriff, Kalle’s Verletzlichkeit und Tobis Konfliktverhalten. Wer hat da keine Kopfschmerzen? Das muss jetzt aufhören. Raus damit, weg damit! All das ist unheimlich wichtig und wichtig dass es besprochen wird, aber nichts davon so wichtig, dass es meinen Kopf dominieren darf,
denn das einzige was dort wirklich Priorität haben sollte, bin Ich.
Mein Bedürfnis nach Nähe, meine Wut und meine Gefühle für Pia. Meine Sexualität und mein Alltag. Mein Aktivismus, meine Meinungen, meine Haltung zur Uni und meine Ernährung. Meine Selbstverwirklichung (wollte ich niht unbedingt Theater spielen?) und meine Bildung, meine Ideen für die Welt und meine Zukunft. Meine Kleidung, meine Wünsche, meine Kunst und meine Zimmerpflanzen.
All dem möchte ich ab jetzt mehr Raum geben, viel Raum, so viel Raum, dass ich ein Plenum schwänze um einen Comic fertig zu lesen und anstatt einem Emogespräch für einen Freund mir ein geiles Mittagessen kochen.
Liv Strömquist (“der Ursprung der Liebe“) hat mir gezeigt, dass mein Selbstwert nicht von den Beziehungen abhängt, die ich führe und dass eine patriarchale Gesellschaft mir genau das einredet. Ich habe gelernt zu trösten und zuzuhören, Konflikte zu führen und zu unterstützen.
Alles wunderbare Eigenschaften, die ich als emotional intelligenter Mensch mit empathisch anarchistischen Anspruch nicht weg denken kann aus meine Alltag und meine Aktivismus.
Aber ich habe nicht gelernt, mir meine eigenen Interessen und Ziele zu setzen, meine Bedürfnisse zu priorisieren, mich selbst und meine Gedanken ernst zu nehmen, wertzuschätzen und zu verwirklichen.
Wenn mich jemand fragt, was meine Stärken sind, fallen 90 % meiner Antworten unter den Bereich der Emo- und Carekompetenzen. Je mehr ich mich mit den Emotionen, Konfliken und Menschen um mich rum beschäftige, desto weniger Zeit habe ich für meine eigenen Gefühle und Gedanken, weshalb ich mich selbst wieder über besagte Beziehungsarbeit definiere und mein Selbstwertgefühl von ihr abhängig mache.

Es ist ein patriarchaler Teufelskreislauf, den es zu durchbrechen gilt.
Deshalb streike ich. Mal ganz laut und mal ganz leise.

Ich werde ins Kino gehen und einen Roman lesen. Eine Freundin besuchen nur um ihre Badewanne zu benutzen, mich in die Sonne setzen und gar nichts machen. Heulen. Mich mit Paula über meine Sexualität unterhalten und (noch) mehr masturbieren. Ich will mit meinen Freundinnen politische Situationen diksutieren, unsere Meinung formulieren und einfach nur rumphilosophieren. Ich will meine Haare färben. Ich will mich mehr mit mir selbst beschäftigen.